Zusammengesetzte Wörter: Sprachwitz oder Stolperfalle?

Wie du lange Wörter vermeidest, auflöst oder mit Bindestrichen lesbarer machst.
Zusammengesetzte Wörter sind ein Markenzeichen der deutschen Sprache. Sie können prägnant und bildhaft sein oder zu Stolpersteinen werden. Mehr dazu im Blogbeitrag.
Text mit Buchstabensteinen von Scrabble gelegt, er heisst: Wörter bauen Achtung Stolperfalle. Beim Wort Stolperfalle geraten die Buchstaben durcheinander
Bild: Lisa Rigendinger
Inhalt:

Das neue Wort aus dem Spital

Ich habe im Spital ein neues Wort gelernt: Temu-Qualität. Das ist kein medizinischer Fachausdruck, sondern die Wortschöpfung einer Pflegerin. Sie kommentierte damit die schwarzen Antirutschsocken, die man mir gegeben hatte. Die Socken fusselten so stark, dass es in meinem Bett nach kurzer Zeit aussah, als hätten sich Ameisen dort breitgemacht.

Der chinesische Online-Händler steht für Billigware, Temu-Qualität steht für die schlechte Qualität der Socken. Das Wort ist ein Volltreffer. Ich habe es sofort in meinen Wortschatz aufgenommen.

Die deutsche Sprache: ein Lego-Baukasten

In der deutschen Sprache kann man Wörter zusammensetzen wie Legosteine und so den Wortschatz beliebig erweitern. Aber zusammengesetzte Wörter werden schnell zu Stolperfallen.

Kurze und bildhafte Zusammensetzungen

Zusammensetzungen aus zwei Hauptwörtern sind am häufigsten, zum Beispiel Babyspinat. Beide Teile sind konkret und bildhaft. Das Wort mit vier Silben ist kurz. Auch Wörter wie Hitzewelle oder Tropennacht lassen Bilder im Kopf entstehen.

Schwierige Zusammensetzungen

Schwierig wird es, wenn Wörter aus abstrakten Begriffen oder Fachwörtern zusammengesetzt sind. Beispiele dafür sind Nebenkostenakontobeiträge oder Rechtsmittelbelehrung. Zusammengesetzte Substantive muss das Gehirn beim Lesen erst einmal zerlegen.

Auf die Spitze getrieben

Man kann die Lego-Methode auf die Spitze treiben: «ChatGPT ist eine Wahrscheinlichkeitswortzusammensetzungsmaschine». Das sagte ein Ethiker einer Fachhochschule im Interview. Das Wort hat 48 Buchstaben – eine Zumutung fürs Verarbeiten und Verstehen.

Kurze Wörter statt lange, zusammengesetzte

Lange und komplizierte Wörter sind Stolpersteine. Je kürzer das Wort, desto verständlicher ist es. Wolf Schneider sagt dazu in seinen Büchern: Geize mit Silben.

Was tun mit diesen Stolperfallen? Vermeiden, auflösen oder einen Bindestrich setzen.

Beispiel 1: Vermeiden

Manche Wörter lassen sich komplett ersetzen.

Statt: Rechtsmittelbelehrung

Besser: Möglichkeiten der Einsprache

Beispiel 2: Auflösen

Zerlege das Wort und befreie das Verb. Das empfiehlt sich besonders bei Nominalisierungen: dort, wo Verben in Substantive verwandelt wurden.

Statt: Wahrscheinlichkeitswortzusammensetzungsmaschine

Besser: eine Maschine, die Wörter nach Wahrscheinlichkeit zusammensetzt

Beispiel 3: Bindestrich setzen

Wenn es keine Alternative gibt, hilft ein Bindestrich. So wird das Wort übersichtlicher. Du vermeidest Missverständnisse.

Statt: Beschützerinstinkt (missverständlich zu lesen als: Beschützerin stinkt).

Besser: Beschützer-Instinkt

Noch besser: Schutz-Instinkt (genderneutral)

Sorge für Qualität: mit Verständlichkeit

Mein Vater hätte die Fusselsocken mit seinem Lieblingsausdruck für schlechte Qualität kommentiert: Hundware & Söhne.

Sorge für Qualität: mit Einfacher Sprache. Vermeide lange, zusammengesetzte Wörter. Löse sie auf oder nutze Bindestriche, um die Lesbarkeit zu verbessern.

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